Karin Zeitler

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst

Kurzbeschreibung:

 

Jena. Juni 1945. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Endlich herrscht Frieden, doch für 41 Mitarbeiter des weltberühmten Glaswerks Schott & Genossen schlägt das Schicksal erneut zu.

Kurz vor dem Ende

 

Angst empfand Clara selten, wenn die Sirene auf dem Dach ihrer Schule mal wieder zum schnellen Aufbruch mahnte. Es war vielmehr ein Gefühl von mulmiger Aufgeregtheit, gepaart mit einem Hauch von Abenteuer, das die Achtjährige dann regelmäßig befiel. An diesem Vormittag fühlte sie sich überdies maßlos erleichtert: Das schrille Geheul platzte mitten in die verhasste Rechenstunde hinein. »Puh, gerade noch einmal drum herum gekommen«, seufzte sie ihrer Freundin am Nebentisch zu, denn Clara war sich sicher, dass sie gleich an der Reihe gewesen wäre. Wie ein erlösendes Fanal klang daher der ohrenbetäubende Lärm der Sirene in ihren Ohren, bedeutete er doch das sichere Ende der heutigen Stunde. Nachdem die Kinder im ersten Augenblick instinktiv zusammengezuckt waren, sprangen sie im nächsten alle gleichzeitig von ihren Plätzen auf, um so schnell wie möglich ihre sieben Sachen einzupacken und den Klassenraum zu verlassen. Die disziplinierte Ruhe, die eben noch geherrscht hatte, verwandelte sich schlagartig in Hektik und Durcheinander. Auch die Lehrerin, Frau Buchner, wurde von der Aufregung angesteckt, man sah es ihr an. Immerhin war sie für die Kinder verantwortlich und musste sie rechtzeitig und sicher in den Luftschutzkeller der Schule bringen. Einige ihrer Schützlinge schickte sie allerdings auch nach Hause. Die Schulleitung hatte bestimmt, dass diejenigen, die in unmittelbarer Nähe wohnten, lieber zu Hause bei ihren Familien Zuflucht suchen sollten, sobald der Voralarm das Heranrücken feindlicher Fliegerverbände ankündigte. Dann war in aller Regel immer noch genügend Zeit, bis die Flugzeuge tatsächlich eintrafen und ihre todbringende Fracht abwarfen. Clara gehörte zu den Kindern, deren Eltern nur wenige Straßen von der Nordschule entfernt wohnten. Während die durchdringenden Sirenentöne ihren Brustkorb vibrieren ließen, verstaute sie unordentlich die bunten Rechenstäbchen in ein kleines Blechkästchen. Zusammen mit ihrem Rechenbuch, dem Griffelkasten und ihrem Schulheft stopfte sie alles in den alten Lederranzen, den sie von ihrer großen Schwester geerbt hatte. Energisch zerrte sie an den schon lange ausgeleierten Riemchen. Mit einem entschlossenen 12 Gesichtsausdruck warf sie sich den Ranzen auf den Rücken, schnappte sich ihre Jacke und wollte gerade aus dem Klassenraum stürmen, als Frau Buchner sie mit einem energischen Ausruf zurückhielt. »Clara, halt! Niemand verlässt den Klassenraum, ohne sich anständig zu verabschieden.« Erschrocken hielt Clara inne. Immer wieder passierte ihr das. Sie vergaß einfach, sich »ordentlich« zu verabschieden, so wie sie es alle gleich zu Beginn ihrer Schulzeit gelernt hatten. Und die alte Lehrerin legte Wert darauf, dass die Formen eingehalten wurden, selbst wenn es Alarm gab. Schnell stellte sich Clara also vor ihre Lehrerin, streckte die rechte Hand schräg vor sich in die Höhe und nuschelte undeutlich: »Auf Wiedersehen Frau Buchner. Ich gehe jetzt nach Hause. Heil Hitler!« Deren Kopfnicken war zwar knapp, aber sie lächelte Clara dabei an. Sie mochte dieses aufgeweckte Kind ausgesprochen gern, auch wenn ihr das Rechnen offensichtlich schwer fiel und sie mitunter etwas »huschelig« war. Clara erwiderte das Lächeln und lief schnell zur Tür hinaus. »Nichts wie weg hier, bevor sie doch noch an die Hausaufgaben denkt«, murmelte sie ihrer Freundin neben sich zu.

Leseprobe

Aus "Die lange Reise der Glasmacher"